20.10.2016

“Kaiserkolonie”: die Rede von Dmitry Glukhovskys im Rahmen des Boris Nemtsov Forums

Ich bin 37 Jahre alt. Ich bin im Jahre 1979 geboren, sprich 12 Jahren vor dem Ende der Sowjetunion.

Die Jahre nach dem Ende der UdSSR werden oft als Jahre des freien Russlands bezeichnet. In dieser Definition gibt es natürlich ein gewisses Paradoxon.

Wenn eine der ehemaligen Sowjetrepubliken ein Jahrestag ihrer Freiheit und Unabhängigkeit feiert, dann ist es klar: es wird die Befreiung vor der ehemaligen Metropole gefeiert.  Aber wovon wird die Metropole des Kolonialreiches befreit?

 

Wird die Metropole von den Kolonien-Republiken gefreit? Obwohl die Kolonien als Last für Metropole betrachtet sein können, ist der Zusammenbruch des Reiches eine Niederlage, die töricht zu feiern ist. Vielleicht sollten wir die Befreiung von unserer Vergangenheit, von der vorgeschriebenen Zukunft, von uns selbst feiern?

Man kann sagen, dass Letten, Ukrainer oder Kasachen von Russen erobert wurden. Aber wir selbst, wir – die Bevölkerung des Russischen Reiches und der Sowjetunion, die auch ein Imperium gewesen ist – bei wem sind wir in der Gefangenschaft und in der Sklaverei gewesen? Wir waren Sklaven bei uns selbst.

 

Die Leibeigenschaft in Russland wurde nur vier Jahre vor der endgültigen Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten abgeschafft. In Amerika stammen die Sklaven aus einem anderen Land, aus einer anderen Rasse, Sprache und Religion, deren Entmenschlichung durch die jahrhundertealte Zivilisationslücke gerechtfertigt wurde. Wir waren aber Sklaven von den Menschen der gleichen Nationalität, des gleichen Glaubens und der gleichen Kultur.

 

Die Kollektivwirtschaften in der Sowjetunion wurden zu einer neuen Leibeigenschaft für die Bauern. Dutzende Millionen unschuldiger Menschen, die wegen falscher und absurder Vorwürfe in Lager verbannt wurden, gerieten in echte Sklaverei des Staats. Ihre kostenlose Arbeit und ihre absolute Zwangsgehorsamkeit wurden ausgenutzt: das ist die wirtschaftliche Bedeutung von Stalins Terror.

Ich verstehe, warum das Regime, egal wie es hieß, uns wie ein dumpfes Tier behandelte. Es machte unsere Augen zu, wir wurden ausgepeitscht, wir wurden wie Schafe in die Herde getrieben und könnten nicht über die Gitter hinaus. Diese Behandlung hatte eine rationale Erklärung: das Regime musste an der Macht bleiben, um die Früchte der Macht zu genießen.

 

Der Schwindel der Bauernschaft mithilfe der Vorstellung von Gottes Wählerschaft des Autokraten, die Kirche, die ihre Seele dem Staat verkauft hat, um die Zinsen von der Sklaverei zu bekommen – das alles ist eine bewusste wirtschaftliche Tätigkeit.

Die Menschen durch die wahllosen totalen Repressionen zu den absolut gehorsamen, tierisch ängstlichen Wesen zu machen, um Sibirien und Norden mit deren Hilfe zu erobern und zu industrialisieren – das ist auch eine bewusste wirtschaftliche Tätigkeit.

 

Aber was ist mit uns los? Warum haben wir das alles ertragen? Das ist unsere Geduld, unsere

völlig unmögliche und sinnlose Gehorsamkeit. Warum haben wir akzeptiert, den Kannibalen zu gehorchen? Warum haben wir uns selbst erklärt, dass unsere Herrchen gar nicht so schlimm gewesen sind? Warum haben wir nicht versucht, zu entkommen? Oder brauchten wir gar keine Freiheit? Wie kann es sein – andere Nationen brauchen Freiheit und wir nicht?

 

Seit 25  Jahren leben wir in einem neuen freien Russland. Wir haben die Kolonien befreit, können aber uns selbst nicht befreien und versuchen auch nicht, uns zu befreien.

Ich sehe, dass die Nachrichten im heutigen russischen Fernsehen sich seit einigen Jahren zum Instrument der Verbreitung von Fehlinformationen entwickelt haben, zum Instrument der Irreführung der Bevölkerung, ihrer völligen Desorientierung, psychologischen Manipulation und Kontrolle über die Mentalität.

 

Ich beobachte, wie grob und schamlos wir angelogen werden, mit welch einfachen Tricks unsere Aufmerksamkeit von realen politischen Prozessen abgelenkt wird, wie man uns miteinander streiten lässt und wie wir gegen Westen abgestimmt werden. Ich frage mich: wie können die Menschen daran glauben? Sie haben Zugang zu den unabhängigen und umfassenden Informationen, wieso ziehen die diese Propaganda-Scheuklappen nicht aus? Oder tun die Scheuklappen nicht weh?

Ich lese die Ergebnisse öffentlicher Meinungsumfragen, deren nach die überwältigende Mehrheit alle möglichen Verbote und Beschränkungen im Interesse der sogenannten Moral, der sogenannten Spiritualität oder sogenannten Sicherheit, befürwortet. Ich frage mich: brauchen die „Ja-Sager“ überhaupt keine Freiheit? Warum sehnen die sich danach, sich selbst zu schnitzen?

 

Als vor drei Jahren Zehntausende und Hunderttausehnde  von Demonstranten auf die Straßen von Moskau, die Sacharow-Allee, den Bolotnaya-Platz gingen, schien es mir, als würden die Menschen endlich die Täuschung spüren, Scheuklappen und Joch fühlen, sich fragen sich selbst wohin sie geführt werden.

Die Menschen forderten Respekt für sich selbst, sie verlangten Unabhängigkeit.

 

Aber dann war die Krim, die zu einer echten Verfinsterung des Massenbewusstseins geworden ist. Viele meiner Freunde, die gegen die Manipulation bei den Wahlen protestierten, schlossen sich plötzlich dem begeisterten Chor derer an, die die Annexion der Krim als ein Akt der historischen Gerechtigkeit sehen. Für die war es ein Zeichen, dass Russland endlich von den Knien aufgestiegen war.

 

In seinem Buch „Russische Idee“ sagt Berdjajew, dass die Idee der territorialen Expansion in Russland am besten Wurzeln schlägt und wird einstimmig unterstützt. Im selben Buch sagt er, dass Russland zum Polizeistaat verdammt sei, egal wie es Macht heißt. Sonst ist es unmöglich, dieses riesige Territorium zusammenzuhalten.  

 

Für die Krim mussten wir sehr schnell zahlen.  Irgendwelche Versuche, über die Angehörigkeit der Krim an Russland zu diskutieren, fielen unter den Artikel des Strafgesetzbuches über Extremismus und wurden als Forderungen zum Separatismus bezeichnet. Jetzt wird man auch für die öffentlichen Diskussionen bezüglich des Kriegs in der Ukraine und in Syrien bestraft.  

Das Chaos, das Russland jetzt fleißig in der Welt sät, wird uns als ein Zeichen unserer wachsenden Stärke präsentiert, als Rückkehr zur Weltarena unseres Reiches. Man muss aber nicht vergessen, dass die Reiche Ordnung schaffen, anstatt sie zu zerstören. Draußen versucht Russland, ein Imperium zu sein, aber innen ist es mehr und mehr wie eine Kolonie.

 

Es besteht aber der Eindruck, dass nur eine unbedeutende Minderheit sich betroffen fühlt. Der Rest der Bevölkerung gibt bereitwillig Redefreiheit – und in der Tat auch Gedankenfreiheit – ab, um die Illusion einer kaiserlichen Rache in Russland zu haben. Die berüchtigten sechsundachtzig Prozent unterstützen die Behörden fast bedingungslos, auch in den Fragen, die äußerst zweifelhaft sind. Meinungsfreiheit, das heißt die Freiheit, die Staatsmacht zu kritisieren, brauchen nur sehr wenige Menschen.

Der Staat deutet uns immer an, dass andere unsere Freiheiten uns weggenommen werden können. Die Regel, dass die Verdächtige im Extremismus (sprich die Personen, die politisch oppositionell aktiv sind) unter das Ausreiseverbot fallen können, wurde aus dem „Yarovaya- Gesetzespaket“ nur im letzten Moment rausgenommen. Aber die diesbezüglichen Diskussionen werden immer auf die eine oder andere Weise initiiert.

 

Aber wer braucht die Reisefreiheit? Zwei Drittel der Russen haben keine Reisepässe, drei Viertel haben nie die Grenzen der ehemaligen UdSSR verlassen.

Die Freiheit der Willensäußerung? Zu den letzten Duma-Wahlen Russlands kam weniger als ein Drittel der Wähler.

 

Selbst aus der Freiheit des Privatlebens, der wichtigsten Freiheit des einfachen Menschen im neuen Russland, versuchen die Behörden, Stücke zu nagen. Sie verfolgen die Homosexuellen, drohen, die Abtreibungen zu verbieten, blockieren erotische Internetseiten und bald können sie auch die sexuellen Praktiken der normalen Bürger regulieren. Sie können schon unsere Telefonate abhören und unsere SMS-Korrespondenz lesen. Sie arbeiten daran, wie sie  die verschlüsselten Instant Messenger-Nachrichten hacken werden. Aber niemand denkt daran, zu protestieren.

 

Brauchen wir diese Freiheit? Oder brauchen wir etwas anderes?

 

Das Thema, das viel brennender und wertvoller in allen Zeiten für uns gewesen war, ist das Thema der Gerechtigkeit. Bauernaufstände im zaristischen Russland, der Aufstand im Jahr 1905, die Oktoberrevolution von 1917 kamen immer aus dem Gefühl der Unterdrückung, der Ungerechtigkeit, die die Regierung oder ihre Delegierten dem einfachen Volk zufügten.

 

Das Streben nach Gerechtigkeit wurde zum wichtigsten Gefühl, das die Schaffung eines sozialistischen und kommunistischen Projekts in Russland begründete und rechtfertigte. Die Stimmen, die auch noch heutzutage die Linken aller Richtungen in Russland zusammenbringen, sind Stimmen für soziale Gerechtigkeit. Und es gibt noch immer nicht genug Stimmen für die Freiheit.

Versüßt durch offizielle Propaganda und Nostalgie der Rentner, wird das Bild der UdSSR zum Beispiel für einen gerecht organisierten Staat gemacht. Als historische Gerechtigkeit wird  die imperiale Rache Russlands präsentiert: all diese „aus den Knien Aufsteigende“ finden ihre Antwort in den Herzen der Menschen. Russland gewinnt wieder, was ihm quasi gehört, erholt sich von den leidvollen Erniedrigungen. Deshalb genießen die skandalösesten Aktionen Russlands auf der internationalen Bühne die Unterstützung der Mehrheit der russischen Bevölkerung.

 

Vor 25 Jahren haben wir „Ägypten verlassen“; wir machten einen Kreis in der Wüste, gingen dem Ölsand entlang, wir vermissten die Gefangenschaft des Pharaos, waren verwirrt von den Weiten, dann hatten wir Sehnsucht nach der Konstruktion der sinnlosen Pyramiden und kehren jetzt freiwillig nach Ägypten zurück. Diejenigen, die in der Wüste geboren wurden, haben Liebe für Ägypten mit Muttermilch aufgenommen: man kann verstehen, wenn Stalin von den Stasi-Veteranen vergöttert wird, wie kann er aber zum Che Guevara für die 13-Jährigen werden? Unter unseren Teenagern gibt es jede Menge von Stalinisten.

 

Kann es sein, dass die Menschen das Ziel vermissen, das gleich für alle ist? Vermissen sie die Bienenstock-Struktur des sowjetischen Lebens? Die Gedankenlosigkeit und Verantwortungslosigkeit, die die Sovietunion ihnen für die Aufgabe der Freiheit verlieh? Sie wollen nicht Bürger, sondern Kinder sein, sie wollen, dass der Vater-Staat sich um alles kümmert und sie von den Gedanken über die Komplexität des Seins abhält. Freiheit bedeutet in der Wirklichkeit Verantwortung für das eigene Leben, für das Schicksal der eigenen Verwandten. Wir haben immer noch Angst vor der Verantwortung. Auch nach 25 Jahren sind wir immer noch nicht erwachsen.

 

Vielleicht ist es nur so, dass das Asiatische mit seinem Kollektivismus in uns stärker ist als der Individualismus der westlichen Zivilisation? Vielleicht ist der Zusammenschluss mit einem Team für einen Russen süßer als die Freiheit als Unabhängigkeit von den anderen? Wahrscheinlich steht auf einer Seite unserer Medaille “Freiheit” geschrieben und auf der anderen Seite steht “Einsamkeit”.

Sind wir Europäer oder haben wir Sehnsucht nach Freiheit verloren?

Jedes Mal, wenn ich die Behörden in meinen Artikeln kritisiere oder öffentlich über die Situation im Land rede oder einfach die Dinge namentlich nenne, weiß ich: meine Eltern werden mich anrufen und bitten, stiller zu sein. Besonders stark machen das meine zwei noch lebenden Großväter. Sie werden mir sagen, dass ich nicht verstehe, wie gefährlich es sei, in der heutigen Zeit die Wahrheit zu sagen, sie werden darum bitten, nicht aufzufallen. Und ich betreibe keine politischen Aktivitäten, ich bin im Großen und Ganzen nicht einmal ein Oppositioneller.

 

In den zwanziger Jahren wurde mein Urgroßvater enteignet und nach Solowki verbannt. Obwohl keiner von meinen anderen Verwandten unter den Repressalien gelitten hat, haben meine Eltern Angst.  Nach den fünfundzwanzig Jahren der Freiheit glaubt die Generation der gegenwärtigen Sechzigjährigen überhaupt nicht daran. Unsere Ältesten glauben sehr stark an die Möglichkeit der Wiederholung des Terrors. Sie reagieren sehr empfindlich auf jedes Anzeichen einer Wiederbelebung des repressiven Systems, sie sind bereit, zu schweigen, noch bevor die Behörden danach fragen.

Die Behörden nutzen dies sehr geschickt aus, indem sie verschiedene Hinweise an Menschen senden. Die Worte, dass wir nicht im Jahre 1937 leben, sind eine von Putins Lieblingsmantras. In dieser aufdringlichen Verschwörung sieht man eine Möglichkeit für die Zeitreise. Manchmal werden die Hinweise völlig transparent, zum Beispiel, wenn der ständig wachsende FSB, wie zu Stalins Zeiten, in MGB umbenannt sein könnte.

 

Vielleicht ist es eine Frage der Angst?
Und sind wir wirklich aufrichtig in unserem Streben nach der Gleichheit?
Wir werden grob und genial manipuliert. Uns werden neue und neue Feinde vorgestellt, wir werden dazu gezwungen, die Sprache des Krieges zu sprechen, man führt uns zu den neuen und neuen Kriegen, die nicht mehr imaginär sind. Die Behörden entmutigen uns, zu denken. Mithilfe von den Fernsehsendern wandern wir zwischen dem Gefühl der Gefahr und Euphorie des Kampfes hin- und zurückgerissen und leben seit Jahren nach den Kriegsgesetzen. Wir gewöhnen uns daran, alles zu ertragen und erdulden, keine Fragen zu stellen und nicht zu bestreiten. Wir werden zum Vieh gemacht und gleichzeitig brutalisiert.

Die Mächtigen verlangen von uns Einheit und Gleichheit. Meinungsverschiedenheiten und jegliche Andersartigkeit in dieser vermeintlichen Kriegszeit werden zum Zeichen des Verrats. Die regimetreuen Zahnräder werden zum Allrussischen Volksfront in der Zeit, wenn Dissidenten als “ausländische Agenten” abgestempelt werden.

Zu dieser Zeit möchten viele so sein, wie alle anderen. Das machen, was alle anderen machen. Nicht auffallen. Nicht aufstehen. Die Macht – und es scheint, dass die Macht, die wir haben, ist die gleiche wie immer – hat die Menschen dieser Dezimierung nicht umsonst unterworfen. Wenn man uns unsere Kostüme auszieht, sei es von Zara oder von Brioni, sieht man darunter nackte Sowjetmenschen.

Natürlich kann die Wahl zwischen dem Sein eines  sowjetischen Menschen oder dem Sein eines Europäers  noch immer wörtlich gemacht werden. Man kann in den Westen fliehen. Ich absolvierte die Schule in Arbat: von  meinen dreißig Klassenkameraden haben sieben ihre zivilisatorische Entscheidung getroffen und leben in Europa und den Vereinigten Staaten. Hunderttausende junger aktiver Menschen verlassen Russland.
Dieses Forum findet in Berlin statt, weil unser Saal in Rußland von Provokateuren belagert worden wäre. Von den Roten Garden, den Clowns in den vorderen grünen Helmen und den schurkischen Kosaken, die Patriotismus und Spionagewahn auf den Kameras der Propagandamaschine simulieren würden.

So würde Falschung für Wahrheit verkauft,  weil der staatliche Jubel-Patriotismus in Russland bezahlt wird.  Menschen spielen Patrioten fürs Geld, sei es Spiel in die orthodoxen Spiritualität und oder in den Kalten Krieg.

 

Das Problem ist, dass das Kriegsbild zum Leben erweckt werden kann, dass die bildliche Kriegssprache zum Zauberspruch werden kann, der den Krieg provozieren könnte. Was Ähnliches haben wir vor 100 Jahren in Europa schon gesehen.

Das Problem ist, dass wir unsere eigene Verantwortung für unsere Schicksale aus Angst vor den Mächtigen übergeben. Die Mächtigen sind oft zufällige Menschen, die im Machtrausch uns als wortloses und gehorsames Vieh betrachten. Auf diese Weise wird unsere Tragödie immer wieder wiederholt.
Das Problem ist, dass wir, von der Gerechtigkeit träumend, nicht verstehen können, dass nur wir selbst die Gerechtfertigkeit erreichen können, wenn wir unser Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

 

Wir können immer noch nicht verstehen, dass der von uns gewünschte Weg zur Gerechtigkeit nur in der Freiheit liegt und dass das unser Problem ist.
Nur aus der Reihe tanzend, nur sich weigernd, in der Kolonne zu marschieren, nur hervortretend und auffallend können wir die Angst überwinden, und wahrgenommen zu werden. Wir müssen uns aus unserem Leben herausreißen, und uns dafür bewusst zu entscheiden, Individuen zu werden. Nur so können wir Freiheit und Gerechtigkeit beanspruchen.

Aber dafür braucht man in unserem Land mehr und mehr Zivilcourage.

Ich verstehe jene Menschen, die in Kolonnen marschieren, ich verstehe jene Menschen, die ihre Köpfe in Sand stecken. Jeder will leben und möchte keine Taten vollbringen. Eine Tat ist die Sache der furchtlosen Menschen, die ein dumpfes Gefühl der Gefahr haben. Oder die der Unikaten, die ihre Ideen und die Treue zu sich selbst wichtiger finden als den Wohlstand und die Sicherheit.

 

Solche Menschen trifft man wirklich sehr selten und ich weiß nicht, wie oder woher sie kommen. Aber wir alle sehen, wohin und wie sie gehen.

 

Dank solch echten Menschen, dank solch wirklich unabhängigen und mutigen Menschen, wie Anna Politkowskaja und Boris Nemzow, wird uns klar, dass wir anders leben können. Und wir haben Angst, ihr Schicksal zu wiederholen. Und wir schämen uns für diese Angst.

 

Ich habe heute sehr viel über unsere Besonderheit gesprochen, aber wir sind genauso Menschen wie die Deutschen, die Franzosen und die Briten. Wie die Chinesen und die Koreaner. Wir sind alle frei und einzigartig geboren. Die einzige Frage ist, worauf verzichten wir uns später. Ich möchte nicht daran glauben, dass mein Land wirklich dazu verurteilt ist, eine imperiale Kolonie zu sein.

 

Russland kann in seinen derzeitigen Grenzen bleiben und gleichzeitig zu einem modernen Staat werden. Sein endloser geografischer Raum kann zu einem Raum für Gerechtigkeit und Freiheit werden.
Aber wir müssen uns diese Freiheit verdienen.
Dmitry Glukhovsky